Schlagwort: Autismus

Informative Vorträge beim Tag der Begegnung

Schwabentag_LOGO_2016_WEBAuch für ein informatives Vortragsprogramm ist am Schwabentag 2016, dem Tag der Begegnung, am 25. Juni in der Messe Augsburg gesorgt. Im Vortragsraum vor der Halle 7  gibt es durchgehend ein abwechlsungsreiches Angebot.

Der Raum wird mit einer induktiven Höranlage ausgestattet. Zudem sind beim Tag der Begegnung Gebärdensprachdolmetscher und Schriftdolmetscher anwesend. Die Vorträge werden ebenso wie die Eröffnung und die Podiumsdiskussionen in Halle 7 auf Leinwand übertragen.

Im Vortragsraum startet das Programm um

12.30 Uhr:

„Die Bunten“ musizieren – ein inklusives Orchester stellt sich vor.
Musikalische Leitung: Musikpädagogin Angelika Jekic

13.15 Uhr:

„Informationen über Selbsthilfegruppen“
Referentin: Petra Seidel, Leiterin der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen am Gesundheitsamt der Stadt Augsburg

13.45 Uhr

„Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“
Der Autist Raphael Müller liest aus seiner Autobiographie „Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“ und der Kinderbuchreihe „Asa und Gasa“

14.45 Uhr

„Dienstleistungsangebot der Agentur für Arbeit Augsburg“
Referentin: Melanie Weigl, Teamleiterin Reha/SB bei der Agentur für Arbeit Augsburg

15.15 Uhr

„Vom Projekt zur Integrationsfirma“
Referent: Bertram Sellner, Geschäftsführer der Irseer Kreis Versand gGmbH

15.45 Uhr

„Versteckt und neugierig: Umgang mit Schwerhörigkeit?“
Referent: Werner Hagedorn, 1. Vorsitzender des Landesverbandes Bayern der Schwerhörigen und Ertaubten.

16.15 Uhr:

„Erkrankungsform Kleinwuchs“

Referent: Johann Sirch, Landesverbandsvorsitzender Bayern beim Bundesselbsthilfeverband Kleinwüchsiger Menschen e. V.

16.30 Uhr:

„Inklusion am Beispiel der Kolping-Förderberufsschulen Donauwörth und Neu-Ulm“

Referenten: Thomas Spiegel, Schulleiter an der Berufsschule Donauwörth und Reinhard Kauschus, Schulleiter an der Berufsschule Neu-Ulm

 

16.45 Uhr:

„Die intensiv kooperierenden, inklusiven Klassen der Astrid-Lindgren-Schule in Kooperation mit der Grundschule Kempten Nord: Kinder mit und ohne Behinderung im gemeinsamen Unterricht“

Referenten: Stefanie Haggenmüller (StRin FS) und Helmut Stegmair (StR FS), Astrid-Lindgren-Schule Kempten

Motto: „Autismus ist keine Einbildung!“

Den meisten Menschen ist zwar inzwischen bekannt, was Autismus ist, viel zu wenigen ist aber bewusst, welche Herausforderung es ist, mit Autismus leben zu müssen. Deshalb will der diesjährige Welt-Autismus-Tag 2016 um mehr Verständnis für Menschen mit Autismus werben. Das Kompetenzzentrum Autismus Schwaben – Nord beim Caritasverband für die Diözese Augsburg e. V. lädt aus diesem Anlass am 7. April 2016 von 17.30 bis 19.00 Uhr ins Caritashaus (Auf dem Kreuz 41) in Augsburg ein. Die Veranstaltung steht unter dem Motto „Autismus ist keine Einbildung!“ Betroffene stellen ihre künstlerischen Beiträge vor, auch zeigen sie Filme. Der Abend bietet zudem Gelegenheit zu Diskussionen. Für Essen und Trinken ist gesorgt. Anmeldung ist zur Vorbereitung erwünscht unter der Telefonnummer 0821 3156-454 oder per Mail an autismus@caritas-augsburg.de oder unter www.caritas-augsburg.de/welt-autismus-tag .

Darüber hinaus ist das Kompetenzzentrum Autismus Schwaben-Nord auch beim Schwabentag 2016 präsent: Mit einer eigens dafür entwickelten Selbsterfahrungskabine soll vermittelt werden, wie Menschen mit Autismus ihre Umwelt erleben.

Eindrücke davon wurden auch bei einem Fachvortrag beim Caritasverband für die Diözese Augsburg vermittelt (Text: Caritas Augsburg/Bernhard Gattner):

Menschen lernen soziale Verhaltensregeln, indem sie sich begegnen und miteinander kommunizieren. Das tun sie von Geburt an, weil die soziale Interaktion normaler Weise im Menschen genetisch angelegt ist. Babys schauen länger in die Augen der Mutter als in das Umfeld. Durch die positive Reaktion der Mutter werden im Gehirn Glücksbotenstoffe ausgeschüttet. Das Miteinander, die Reaktion auf den anderen Menschen, bleibt so schon für das Baby hoch attraktiv. Das wiederum verstärkt das Erlernen sozialer Kompetenz. Das Kind erlernt sie nebenher. Es ist ein somit sozialer Selbstlerner.

Menschen mit einer Autismus-Störung sind das nicht. Sie schauen nicht wie andere Babys in die Augen der Mutter. So erleben sie wenig oder gar nicht das Glücksgefühl, das ihr Verhalten eine Reaktion auslöst. Bei ihnen fehlt deshalb der „selbstbelohnende Entwicklungsturbo“, wie es Dr. Brita Schirmer aus Berlin ausdrückt. „Kinder mit einer Autismus-Störung erlernen deshalb soziale Normen und Regeln nicht so einfach nebenbei. Sie spüren es nicht, was geht oder was nicht geht. Sie haben eine soziale Sehbehinderung.“ Die Folge: Sie verhalten sich anders, orientieren sich nicht an allgemein gültigen sozialen Verhaltensregeln. Das Ergebnis: Die nicht-autistische Umwelt erlebt das Verhalten autistischer Menschen als herausfordernd und störend. Sie fühlt sich gestresst.

Dr Brita Schirmer

Dr. Brita Schirmer, Lehrerin an Sonderschulen in Berlin und Autorin zahlreicher Bücher zum Thema Autismus. Foto: Caritas Augsburg/Bernhard Gattner.

 

Dr. Schirmer, in der schulischen Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störung in Berlin tätig, setzt sich seit vielen Jahren damit auseinander, wie Eltern, Erzieher, Betreuer oder Lehrer mit diesem Verhalten umgehen können. Beim Fachtag Autismus des Kompetenzzentrums Autismus Schwaben-Nord des Augsburger Diözesan-Caritasverbandes erzählte sie davon, dass ein junger Mann bei der Begrüßung der Betreuerinnen diese immer an der Brust berührt habe. Auch erwähnte sie einen Schüler, der im Unterricht die ganze Zeit mit seinem Stift auf den Tisch geklopft habe. Beide Situationen waren für die Betreuerinnen bzw. die Lehrer und Mitschüler „unerträglich“ und – im Fall der Frau – auch kränkend.

Dr. Schirmer sieht die Lösung der Konfliktsituation nicht darin, dieses herausfordernde Verhalten einfach hinzunehmen. Im Gegenteil: Soziale Integration könne nur gelingen, indem man die sozialen Verhaltensnormen und Regeln klar und konsequent einhält. Aber da Menschen mit Autismus die sozialen Gründe für ein Verhalten nicht erlernt haben und auch nicht erspüren können, wenn sie sich falsch verhalten, müsse man nach anderen Gründen suchen, um sie dazu zu bringen, die Regel einzuhalten. Die Kernfrage bei dieser Suche sei, „wofür lebt dieser Mensch, was ist sein Interesse?“

Im Fall des jungen Mannes half keine Logik. Denn, so seine Logik, die weibliche Brust sei nun mal schöner anzufassen als die kalte Hand. Die Regel, die Dr. Schirmer dann entwickelte, hieß dann für den jungen Mann: „Wenn Du künftig die Hand reichst, dann darfst Du auch zehn Minuten am Computer spielen.“ Der entscheidende Vorteil dieser Regelung liegt darin begründet, dass die soziale Regel – man fasst Frauen nicht an die Brust – eingehalten wird und für den jungen Mann ein höheres, ihm wichtigeres Ziel konkret gesetzt wurde, „weil der junge Mann sehr gerne am Computer spielte“. So war der Grundstein für ein normales soziales Verhalten gelegt.

Das Kind, das ständig mit dem Stift klopfte, konnte sie dazu bringen, in der Schule nicht mehr alle zu stören und am Unterricht teilzunehmen, als sie herausfand, dass er ein Spezialinteresse an Toiletten hatte. „Wenn Du Dich ruhig verhältst, aufpasst und mitmachst, dann sage ich Dir auch, wie schwer ein Toilettendeckel ist“, konnte so eine Regel sein. Sie musste freilich immer neue Informationen bieten. „Im Baumarkt begann man sich schon zu wundern, was ich alles über Toiletten wissen wollte.“

Inflationär dürfen solche Belohnungsstrategien nicht eingesetzt werden. Ansonsten würden die Menschen mit einer Autismus-Störung nicht lernen, ihre Verhaltensimpulse zu kontrollieren. Nur wenn die Regel klar, eindeutig und konkret ist, in kleinen Teilschritten aufgeteilt wird, klare Grenzen gesetzt werden, bestehe deshalb die Chance, dass die Verhaltensnorm auch erlernt und eingehalten wird. Ein weiterer Tipp: „Formulieren Sie, was Sie möchten, nicht, was Sie nicht möchten. Denn Aufforderungen mit ‚nicht‘, pusht das impulsive System.“

Strafen wie „Du gehst jetzt raus aus dem Klassenzimmer, Du darfst nicht auf den Pausenhof“ seien keine Strafen für Menschen mit einer Autismus-Störung. Sie würden sich letztlich darüber freuen. Der Grund: Auf jeden Menschen dringen bis zu 70.000 Informationen pro Sekunde ein. Der Mensch ohne eine Autismus-Störung nimmt davon aber nur 70 bewusst wahr. Der mit Autismus hat diesen Filter nicht. Alle Informationen dringen auf ihn unmittelbar ohne Filter und Auswahlmechanismus ein. Das Klassenzimmer verlassen zu müssen oder nicht auf den Pausenhof gehen zu dürfen, bedeutet deshalb für ihn eine angenehme Reizminderung.

Werden die Reize stattdessen noch erhöht, indem man mit den betroffenen Menschen durch stark benutzte Straßen oder volle Kaufhäuser geht, „entsteht sehr schnell eine Overload-Situation“. Sie sei für die Betroffenen die „Hölle“. Angst und Panik würden sich nur ausweiten. „Dann hat dieser Mensch keine Reserven mehr, irgendeine Regel noch einzuhalten. Da ist er nicht mehr Herr seiner Entscheidungen.“ Gerät der Mensch mit einer Autismus-Störung in eine derartige „Selbstkontrollerschöpfung“, „gewähren Sie ihm eine Pause, in der er sich erholen kann“, empfiehlt Dr. Schirmer.

trauminsel47drei e.V.

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Der Verein trauminsel47drei e.V. besteht seit 25. April 2009. Ziel ist die Umsetzung des Artikel 19 der UN-BRK:

Artikel 19 — Unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft
Die Vertragsstaaten dieses Übereinkommens anerkennen das gleiche Recht aller Menschen mit Behinderungen, mit gleichen Wahlmöglichkeiten wie andere Menschen in der Gemeinschaft zu leben, und treffen wirksame und geeignete Maßnahmen, um Menschen mit Behinderungen den vollen Genuss dieses Rechts und ihre volle Einbeziehung in die Gemeinschaft und Teilhabe an der Gemeinschaft zu erleichtern, indem sie unter anderem gewährleisten, dass

a.  Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben, und nicht verpflichtet sind, in besonderen Wohnformen zu leben;

b.  Menschen mit Behinderungen Zugang zu einer Reihe von gemeindenahen Unterstützungsdiensten zu Hause und in Einrichtungen sowie zu sonstigen gemeindenahen Unterstützungsdiensten haben, einschließlich der persönlichen Assistenz, die zur Unterstützung des Lebens in der Gemeinschaft und der Einbeziehung in die Gemeinschaft sowie zur Verhinderung von Isolation und Absonderung von der Gemeinschaft notwendig ist;

c.   gemeindenahe Dienstleistungen und Einrichtungen für die Allgemeinheit Menschen mit Behinderungen auf der Grundlage der Gleichberechtigung zur Verfügung stehen und ihren  Bedürfnissen Rechnung tragen.

Beim Schwabentag 2016, dem Tag der Begegnung am 25. Juni, präsentiert sich der Verein und seine Aktivitäten an einem Infostand. Außerdem wird die autistische Poetin Rebecca Klein aus ihren Gedichten vorlesen – ein eindrückliches Beispiel dafür findet sich auf der Startseite der Homepage http://www.trauminsel47drei.de/

Unterstützte Kommunikation: Lesung von Raphael Müller

Sein Buch „Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“ präsentierte Raphael Müller bereits 2014 auf der Frankfurter Buchmesse – eine Autobiographie: Das Ungewöhnliche daran ist, dass der junge Mann zu dieser Zeit gerade erst 15 Jahre alt war. Und dass er Autist ist: Raphael Müller spricht nicht, aber er schreibt wunderbare Texte, mit Hilfe der sogenannten Unterstützten Kommunikation. Der Aichacher wird auch beim Schwabentag 2016, dem Tag der Begegnung, am 25. Juni 2016 in der Messe Augsburg aus seinen Büchern lesen,  so aus der Autobiographie „Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“ und der Kinderbuchreihe „Asa und Gasa“.

Ein Portrait von ihm erschien 2014 in den Aichacher Nachrichten (Link hier), ein weiterer Artikel im Evangelischen Sonntagsblatt.

Die Autobiografie erschien bei „fontis“,  auf der Verlagsseite ist auch ein Interview mit Raphael Müller zu finden.

 

 

Eigens für den Schwabentag entwickelt: Eine Autismus-Erlebnis-Kabine

Logo_Kompetenzzentrum AutismusDer Caritasverband für die Diözese Augsburg e. V., der Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche, will mit seinem Kompetenzzentrum Autismus – Schwaben – Nord um Verständnis für Menschen mit Autismus werben. Außenstehende nicht-betroffene Personen können sich sicherlich viel Wissen aneignen, dennoch bewahrheitet sich die Weisheit immer wieder, wonach man nie über einen anderen urteilen soll, „bevor man nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen ist“. Diese Erfahrung führte zu der Idee, eine Autismus-Erlebnis-Kabine zu entwickeln.

An drei Beispielen soll vermittelt werden, welche Schwierigkeiten Menschen mit einer autistischen Störungen dabei haben können, verbale Informationen zu filtern, den Gesichtsausdruck von Mitmenschen zu deuten und Aufträge klar zu erfassen.

Zudem stehen die Beraterinnen Irene Schick und Sonja Jacobs vom Kompetenzzentrum Autismus – Schwaben-Nord für Informationsgespräche bereit.